Mit dem Elektroauto vom Ruhrgebiet nach Südfrankreich

Lautlos unterwegs

  Ein Experimentalreise-Bericht aus der Zukunft

 von Wolfgang Papenberg und Michael Skirl, Sommer 2016

Hier finden Sie einige Leseproben aus dem am 30. Januar 2017 erschienenen Buch. Es ist nur noch über mich, ggf. auch in Einzelfällen über den Buchhandel zu beziehen.

Das Buch kostet nur noch 10,- € statt früher 16,- €

Aktuelle Infos zur Ergänzung des Buchs findet man unter "Aktuelles"


Viele neue Infos zu Ladestationen, Betreibern und Zugängen hier.


Reise von Unna am östlichen Rand des Ruhrgebiets nach Barjac in Südfrankreich

Auto:Renault Zoé Intense Z.E.40, 68 kW, Zulassung: 4/2017, bisher gefahrene km: ca. 30.000

Dies ist das Nachfolgemodell der in dem Buch "lautlos unterwegs" behandelten Zoé (siehe Foto oben rechts).


Zuladung: 3 Erwachsene, davon zwei übergewichtige, Reisegepäck für 1 Woche, Typ2 Ladekabel, NRGkick Ladekabel mit Adaptern


Lautlos unterwegs 2.0

vom 20. bis 28. Januar 2020

 I.  Die Reise der Autoren mit dem E-Mobil von Unna im Ruhrgebiet nach Barjac im Departement Gard in Südfrankreich aus dem Sommer 2016, dokumentiert im Reisebericht „Lautlos unterwegs“ aus dem 3-Punkte-Verlag, liegt nun mehr als 3,5 Jahre zurück. Zudem hatte Wolfgang die damals benutzte weiße Zoé 1 von Renault mit 22 kWh-Akku durch eine bordeaux-rote mit 40 kWh-Akku (Nachfolgemodell Baujahr 2018) ersetzt. Danach lag nichts näher, als eine Wiederholung der Abenteuerreise zu unternehmen. Äußerer Anlass, um nicht zu sagen: Vorwand, für die Autoren war die Sorge um ihre Ferienhäuschen im Süden, die beide schon seit Monaten nicht mehr aufgesucht worden waren.

Das Design dieses neuen Projekts lässt sich in etwa so umreißen:


Überprüfung der Weiterentwicklungen in der Praxis, also:

  1. Wie wirkt sich die fast doppelte Akku-Leistung aus?
  2. Wie weit ist der Ausbau des Ladesäulennetzes, insbesondere der Schnellladesäulen (22 kW)
  3. Wie sieht es heute mit der Zuverlässigkeit der Funktion der Ladesäulen aus?
  4. Gibt es inzwischen eine Vereinfachung der seinerzeit noch komplizierten Bezahlsysteme?


Demgegenüber Fahrt im Winter, also:

  1. geringere Akkuleistung
  2. mehr Verbraucher durch Heizung, Licht usw.
  3. als völlig neues Handicap: ein dritter Mitreisender, Dr. Rolf Jansen, wie Michael auch deutlich jenseits des Idealgewichts
  4. Mehrgepäck wegen Winterausstattung


Zielplanung für zumindest den ersten Reisetag:

  1. nur kostenlose Ladestationen nutzen
  2. keine gebührenpflichtigen Autobahnabschnitte nehmen

 

I.    So kam es am Montag, dem 20. Januar 2020 gegen 08.20 Uhr zum Aufbruch unserer drei Reisenden aus Unna, die mitsamt ihrem winterlichen Reisegepäck die Ladekapazität der Zoé an ihre Grenzen brachten. Die Anzeige der zum Bersten aufgeladenen Zoé 2 mit einer (nach NEFZ) angegebenen Reichweite von 390 km wies konkret eine solche von 219 km aus. Für die Reisenden eine erste kleine Enttäuschung, ein wenig herb auch Wolfgangs Entscheidung, trotz einer Außentemperatur von 3° C zugunsten der Reichweite die Heizung, einen Verbraucher von immerhin permanent bis zu 2 kW, ausgeschaltet zu lassen. In diesem Zusammenhang ließ Rolf, der neue Mitreisende, seine Kompagnons wissen, dass er – durch entsprechende Hinweise von Wolfgang gewitzt – vorsorglich lange Unterhosen angelegt habe.

Die Fahrt verlief trotz abklingenden montäglichen Berufsverkehrs glatt, kurze Zähflüssigkeit auf der A1 bei Volmarstein und vor dem Kreuz Leverkusen, problemlose Passage der Baustelle auf der Rheinbrücke.

Das Wetter blieb auch im Rheinland hoch-neblig und mit 2° C überraschend noch kühler als in Westfalen.

In Erfstadt-Liblar gab es nach 120 km um 10.22 Uhr bei 54% Rest-Ladung angesichts des nunmehr anstehenden Eifelanstiegs eine kostenlose erste Zwischenladung bei einem Lebensmitteldiscounter. Nach 40 Min. ging es mit einer neuen Rest-Reichweite (künftig RRW) von 187 km weiter ab dem Ende der B1 bei Blankenheim auf der B51 in Richtung Trier.

Ab Mittag hob sich der Hochnebel, eine erste schüchterne Sonne zeigte sich, bei allerdings 0° C. Nach einem ungeplanten Zwischenhalt an einer Tankstelle zur Auffüllung des Scheibenwaschwassers erreichten die Reisenden Bitburg. Dort suchten sie vergeblich die im Internet als kostenlos angezeigte neue Ladestation, fanden sie trotz der Hilfe von Passanten nicht und steuerten dann die ihnen schon bekannte Station der Kreissparkasse Bitburg-Prüm an, die zwar im Internet als „nun kostenpflichtig“ angekündigt war, sich aber als nach wie vor kostenlose Lademöglichkeit herausstellt. Bei einer RRW von 62 km (= 25%) begann die Ladung. Zum Dank für diese schon öfter genutzte Lademöglichkeit übergab Wolfgang im Servicebereich der Sparkasse ein Exemplar des Buchs „Lautlos unterwegs“.

Zeitverlust bei diesem Ladevorgang durch Suchen: ca. 20 Min.

Nach einem Mittagsimbiss im Restaurant Louis Müller im Zentrum Bitburgs richteten die Reisenden um 14.35 Uhr mit 96% Ladung (= RRW von 249 km) ihren Blick auf Luxemburg, zunächst mit einem kurzen Zwischenstopp beim Shop der Tankstelle Wasserbillig. Dort sollte für den Aufenthalt in Südfrankreich ein Kilo Kaffee, natürlich fair gehandelt und bio, gekauft werden. Schmunzelnd und hoch erhobenen Hauptes fuhren die Reisenden an den vorgelagerten Zapfsäulen mit den wartenden „Verbrennern“ vorbei. Danach machte sich bei einer RRW von 187 km und einer Entfernung von 170 km zur Zwischenübernachtung in Lothringen der luxemburgische Feierabendverkehr bemerkbar. Daher stand nun eine Zwischenladung an; die Reisenden entschieden sich gegen 17.30 Uhr, nun schon in Frankreich angekommen für das Groß-Kaufhaus „Auchan“ mit einer gleichfalls kostenlosen Lademöglichkeit. Obwohl an der Doppel-Ladesäule ein anderes E-Mobil lud, wurde trotz vorschriftsmäßiger Anschluss-Prozedur Wolfgangs Z.E. Zugangspass von Renault/Bosch nicht erkannt; die Dame vom „Acceuil“ (französisch für „Empfang/Information“) des Kaufhauses schickt einen sehr freundlichen, letztlich aber hilflosen Mitarbeiter. Auch die von Zoés Bordcomputer angebotene und angefahrene Alternativ-Ladesäule bei Nissan im selben Gewerbegebiet war mit rot-weißem Flatterband umwickelt – alles klar??  Ein anderer Vorschlag des Navis hatte nur einen Frankreich-spezifischen Typ3-Anschluss, der nicht zu nutzen war. Für eine weitere vorgeschlagene Ladestation hätte man zurückfahren müssen – undenkbar!

Zeitverlust bei diesen Suchvorgängen und dem Ladevorgang wegen nicht funktionierendem Zugang: ca. 35 Min.

Unverrichteter Dinge und notgedrungen nahm Zoé wieder die – nun kostenpflichtige –Autobahn unter die Räder (erster Ärger machte sich darob breit). Um 18.34 Uhr erreichte sie die gleichfalls kostenpflichtige – weiterer Ärger ­– Ladesäule auf der „Aire“, dem Autobahnrasthof Toul, den sie um 18.34 Uhr mit einer RRW von 60 km erreichte. Bevor sie um 19.02 Uhr mit 48% Ladung (= RRW 134 km) zum sehr günstigen Preis von 20 Cent/kWh weiterfuhren, benachrichtigte Wolfgang das zur Zwischenübernachtung vorgesehene Hotel „Burnel“ in Rouvres-en-Xaintois telefonisch, dass sich ihre Ankunft wohl auf ca. 20.00 Uhr verschieben würde „pas de soucis, Monsieur“ – „kein Problem, mein Herr“.

Mit einer RRW von 41 km erreichten die Reisenden 2 Stunden später als geplant und immer noch leicht genervt (3. Ärger), weil inzwischen auch hungrig, den Gasthof um 19.51 Uhr.

Nach den im Laufe des ersten Reisetages gewonnenen praktischen Erfahrungen schien sich die eingangs formulierte Hypothese zu bestätigen, dass die winterlichen Verhältnissen die Kapazität des Akkus beschränken, die Dauer der Ladungen verlängern und die zusätzlichen Verbraucher, wie Heizung, Sitzheizung, Scheibenwischer und Licht, die Reichweite zusätzlich vermindern würden. Demzufolge war Wolfgang, der bislang am Steuer der Zoé saß, schon früh dazu übergegangen, den Stromverbrauch durch die Wahl des Eco-Modus zu deckeln. So wurden insbesondere die Geschwindigkeit auf 94 km/h und die Heizleistung auf 1 kW begrenzt, sofern letztere überhaupt aktiviert wurde, etwa um dem Beschlagen der Scheiben entgegenzuwirken. Weitere Folge dessen war auch eine Deckelung der Beschleunigung, was aber – zum Glück – durch einen kräftigen Kick-down des Strompedals (früher: Gaspedal) kurzzeitig überbrückt werden kann, z. B. bei einem der eher seltenen Überholmanöver.

Ein weiteres jahreszeitliches Handicap stellte das frühe Ende der Tageshelligkeit insofern da, als die ohnehin sehr kleinen Hinweisschilder betreffend die Ladestationen auf Rasthöfen oder den riesigen Parkplätzen der Großkaufhäuser – vgl. „Lautlos unterwegs“ Duisburg 2016 S. 31 – im Dunkeln meist nur zufällig und oft auch nur nach längerer Suche zu entdecken waren, dies zusätzlich erschwert durch den Umstand, dass zumindest auf den Autobahnrasthöfen durch die Verkehrsführung ein Umkehren nahezu unmöglich gemacht wird. Ein weiterer Zeitfresser und damit 4. Ärger.

Verschwiegen werden soll nicht, dass es zwischen dem „wissenden“ Wolfgang und dem „interessierten Laien“ Michael, so der Klappentext von „Lautlos unterwegs“, gelegentlich zu Meinungsverschiedenheiten über technische Details kam. Ging es bei der ersten Experimental-Reise um rekuperieren oder segeln – „Lautlos unterwegs“ S. 30 – oder die Frage, einen angekündigten Stau zu umfahren oder nicht – ebd. S. 87 –, so gab es jetzt eine Diskussion darüber, ob die Klimaautomatik im Eco-Modus auf niedriger Temperatur dauernd mitlaufen, so Michael, oder die Heizung der Zoé intervallartig mit voller Leistung kurz an- und danach wieder ausgeschaltet werden sollte, so Wolfgang.

Das am wohlbekannten Gasthoftisch gezogene Fazit des ersten Reisetages fiel demgemäß durchwachsen aus:

  • Auffallend deutlich empfanden die Reisenden die Leistungseinbußen des Akkus beim Winterbetrieb im Vergleich zur ersten Experimentalreise im Sommer 2016.
  • Mit 64,3 km/h blieb die Tagesdurchschnittsgeschwindigkeit hinter den Erwartungen zurück und ließ die Reisenden zwei Stunden später als geplant im Zwischen-Übernachtungshotel ankommen, ein Maß an Verspätung, über die sie sich am nächsten Tag noch freuen würden… Nach ihrer Analyse waren dafür die dauerhaft abgeregelte Höchstgeschwindigkeit ebenso ausschlaggebend wie die manchmal durchaus zeitaufwändige Suche nach den Ladesäulen.
  • Die Anzahl der vom Navi der Zoé angezeigten Lademöglichkeiten, die bei weitem nicht aktuell war, hat zwar erheblich im Vergleich zur ersten Reise zugenommen, oft blieb davon aber nicht viel praktischer Nutzen: das Navi zeigte viel weniger Lademöglichkeiten an, als man auf den einschlägigen Internetseiten finden konnte, teilweise nannte es falsche Anschlussbuchsen, Säulen waren defekt oder – so insbesondere bei den Stationen der Warenhäuser – eingeschränkte Öffnungszeiten trübten dieses an sich erfreuliche Bild nicht unerheblich.
  • Auch bei den Bezahlsystemen bleibt in Sachen Praktikabilität und Vereinheitlichung noch viel Luft nach oben.

 Um so wohltuender die hochgeschätzte Gastlichkeit des Hotels Burnel – von den Reisenden schon mit großer Vorfreude erwartet – mit seinem unübertroffenen Preis-Leistungs-Verhältnis: das 3-Gang-Basis-Menu mit zusätzlichem Vorab -Gruß aus der Küche für 16,50 €, für 23,00 € mit zusätzlichem kleinen Käsegang und größerer Auswahl bei den Vorspeisen.

Hier passte der – leicht abgewandelte Ausschnitt aus Heinrich Heines „Deutschland – Ein Wintermärchen“:

Dicht hinter Nancy ward es Nacht,
Und ich fühlte in den Gedärmen

Ein seltsames Frösteln. Ich konnte mich erst
Zu Rouvres, im Wirtshaus, erwärmen.

 (vgl. auch „Lautlos unterwegs“ S. 106)

Als Vorspeise war zu wählen z. B. zwischen Lachs-Carpaccio, Salat mit überbackenem Ziegenkäse oder Fischpastete; als Hauptgang entweder Lachsschnitte mit verschiedenen Gemüsen und Süßkartoffelpüree oder dieselben Beilagen mit einem Fächer von Rinderbäckchen und -Zunge – einfach köstlich! Beim Dessert die Wahl u. a. zwischen einem Duo von weißer brauner mousse au chocolat, Mirabellen-Parfait oder Zimt-Trockenpflaumen in Rotwein, alles frisch und selbst zubereitet, nach deutschen Maßstäben in gehobener Gasthofqualität.

Wieder einmal vollzog sich in überraschender Geschwindigkeit der Wandel von manchmal gestressten Reisenden zu Genießern, von Anspannung zu purem Wohlbehagen. Die 4 Ärger waren schnell vergessen. Dazu trugen auch die regionalen Apéritifs sowie zwei Flaschen Gris und Rouge de Toul von M. Vincent Laroppe nicht unerheblich bei. Allerdings ging es nicht so weit wie in Heinrich Heines „Deutschland – ein Wintermärchen“:

„…Ich dachte der lieben Brüder,
Der lieben Westfalen, womit ich so oft
In Göttingen getrunken,
Bis wir gerührt einander ans Herz
Und unter die Tische gesunken!“

(vgl. auch ebd. S. 107 und 112)

 

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