Lautlos unterwegs

Mit dem Elektroauto vom Ruhrgebiet nach Südfrankreich

Kapitel 7:
Vom Reisenden zum Urlauber: Gelassenheit und Wohlergehen

Barjac ist ein kleines Örtchen mit 1.564 Einwohner im nördlichsten Teil des Départements Gard, seit drei Jahren ausgezeichnet mit dem Titel village de caractère, wörtlich: Dorf mit Charakter, was der überwiegend behutsamen Restaurierung der letzten Jahre zu verdanken ist, seit kurzem auch village sans pesticides, Dorf ohne Pestizideinsatz. Man findet Renaissance-Elemente in der Architektur, alte, kleine Gassen, in der Saison eine Menge Restaurants, wenige Hotels, einige chambre d’hôtes, Gästezimmer mit Frühstück, und alles an Geschäften, was man als Einwohner oder Urlauber braucht: einen Supermarkt, drei Bäcker, drei Fleischereien, ein kleines Lebensmittelgeschäft, eine Apotheke, Ärzte, Autowerkstätten, eine Tankstelle(!) und – in Kürze – zwei Schnellladestationen für Elektromobile. Außerhalb in den Wäldern, in denen man stundenlang wandern kann, ohne einem Menschen zu begegnen, und an den Schluchten der Ardèche und der Cèze befinden sich weitläufige Campingplätze, die den Großteil der Urlauber aufsaugen.

Barjac ist umgeben von vielen Lavendelfeldern und hat zwei Destillerien, eine alte, traditionelle nur für Lavendel, genauer: Lavandin, eine neuere für Lavendin-,  Zypressen- und Strohblumenessenzen (Immortelle), letztere zum Preis von ca. 4.000,- €/Liter. Vom Morgen bis zu Nachmittag hat man einen schönen Blick auf das gegenüber am Hang in der Sonne liegende  Bessas und die Ausläufer der Cevennen.

Am nächsten Tag, Donnerstag, dem 28. Juli, gab es nach gemeinsamem Einkauf bei der Bäckerin Laetitia – ein Croissant für Wolfgang und ein Raspaillou (ein Bio-Brot nur mit Zutaten aus der Region Languedoc-Roussillon) für beide – ein spätes Frühstück, danach Fahrt zu den langjährigen Freunden Peter Pick und Dominique Guignard, die im Nachbardorf Bessas wohnen, wo auch Michael sein Feriendomizil hat. Die beiden Freunde vermieten Chambres d’hôtes in ihrem charmanten, alten Haus, bieten Sprachkurse und künstlerische Kurse an.

Es wird berichtet, dass Dominiques Französischkurse für jede Lernstufe lebendig und effektiv sind und sie sehr gut kocht. Peter ist überregional bekannt für seine Installationen, Performances und grafischen Werke. Von der Terrasse hat man einen weiten Blick ins Land, von anderen Stellen im Ort bis zum Mont Ventoux, manchmal sogar bis zu den südlichen Voralpen. Ein Besuch oder Aufenthalt in Bessas, besonders bei Peter und Dominique, ist eine Empfehlung!

Nach einer herzlichen Begrüßung bei einem Gläschen kühlem Weißwein (Chardonnay?) wurden die Reisenden – man kann sie nun für die nächsten drei Tage getrost Urlauber nennen, da mit weiteren elektromobilen Herausforderungen wohl nicht zu rechnen war – für den nächsten Tag zur offiziellen Einweihung eines renovierten Saals in der mairie, Bürgermeisterei, von Bessas im Zusammenhang mit Peters Ausstellung eingeladen.

Bessas liegt im Département Ardèche und ist ein sehr überschaubares Dorf mit 183 Einwohnern, einer kleinen Burg mit recht imposanten Ecktürmen, zwei Restaurants, dem preiswerten und guten „Le Vieux Figuier“ und der „Auberge des Granges“, im Guide Michelin erwähntes Restaurant mit anspruchsvoller Küche. Man hat vom Mittag bis zum Abend einen schönen Blick auf das gegenüber am Hang in der Sonne liegende Barjac.

Nun ging es weiter zu Michaels Haus. Eine erneute Einladung Wolfgangs, auch die weiteren Tage gemeinsam in seinem Haus zu verbringen, wurde nach einigem Zögern angenommen. Zunächst gab es seitens Michaels einen vergeblichen Versuch, dessen alten Renault R 4 Savane anzulassen, allerdings erwies sich die Batterie dann schnell erschöpft. Ein Ladegerät wurde angeschlossen. Die Gegeneinladung Michaels an Wolfgang zum Abendessen im „Le Vieux Figuier“ in Bessas wurde gern angenommen, zumal die Qualität des Etablissements beiden Urlaubern aus vorgängigen Erfahrungen bekannt war. Dort wurde umgehend ein Tisch für denselben Abend reserviert.

Am frühen Nachmittag begaben sich die Urlauber dann mit ZOE zum „Garage du Stade“, ehemals Renault-Werkstatt, mit Schnelllademöglichkeit, die sich Wolfgang schon bei einem früheren Aufenthalt gesichert hatte. Der freundliche patron erlaubte den sofortigen Anschluss an die Ladestation – allerdings stellte sich heraus, dass diese nur über einen Typ 3-Anschluss, einem frankreich-spezifischen Auslaufmodell, verfügte. Nach etwas hilfloser Rückfrage beim patron bot dieser den Urlaubern an, sein eigenes Ladekabel von zu Hause zu holen. Es habe am einen Ende einen Typ 3-Stecker, am anderen Ende den für Zoé passenden Typ 2-Stecker. Zehn Minuten später war ZOE ladebereit angeschlossen – es zeigte sich allerdings, dass der Schnellladeanschluss doch eher ein Langsamladeanschluss (7 kW) war, wenn auch kein Schnarchladeanschluss (3,2 kW).

Der Ladevorgang startete zwar sofort, brach allerdings nach fünf Minuten, die Urlauber wollten sich gerade dankend verabschieden, wieder ab. Es hatte wohl jemand in der Werkstatt einen weiteren Starkstromverbraucher eingeschaltet, was die Infrastruktur nicht hergab. Neustart des Ladevorgangs durch den patron, Verabschiedung und Verabredung, dass man ZOE in etwa vier Stunden nach Abschluss der Vollladung abholen werde. Wie das Ladeprotokoll später zeigen sollte, wurde der Ladevorgang immer wieder unterbrochen, aber stets auch wieder in Gang gebracht, sodass die Ladung nach der vereinbarten Zeit am frühen Abend erfolgreich beendet wurde.

13. Ladestopp in Barjac
Entfernung: 106 km
Ladestand: 43 %
Rest-Reichweite: 73 km
Neuer Ladestand: 99 %
Neue Reichweite: 179 km

Die Urlauber nutzten den Nachmittag für einen ausführlichen Besuch des Töpfermarkts in Barjac, marché des potiers, der – klein aber fein – in erster Linie von Künstlern beschickt war. Im Schatten der wuchtigen Platanen war die Wärme gut zu ertragen und es wurden Vorschläge ausgetauscht, was man wohl wem in der 1. Heimat als Geschenk mitbringen sollte bzw. müsste. Auch wenn das unterschwellige Motto der Reise ja eher „Sein“ als „Haben“ war, entschied sich Wolfgang für zwei grafisch gestaltete Teller, während Michael beim „Sein“ blieb.

Nun trafen die Urlauber die nächsten Bekannten aus dem Ort, L. und M., aus der Nachbarschaft von Wolfgang. Als sie die Geschichte der Hinfahrt mit ZOE hörten, boten sie sogleich die Möglichkeit einer Schnarchladung (Schukosteckdose) auf ihrem Grundstück an. Das wurde gern angenommen, allerdings – ZOEs Akku würde ja nun gleich vollgeladen sein – wurde die Nacht vor der Abreise dafür geplant, damit man mit voller Kraft am Morgen würde starten können.

Die nächste Station der Urlauber – nun wieder mit dem vollgeladenen Elektromobil – war die örtliche cave coopérative, die Winzergenossenschaft, um sich für den Restsommer in der 1. Heimat einzudecken, auch als Mitbringsel für das Nachbarschaftsfest am nächsten Tag. Michael, der sich selbst gern als gourmand, Liebhaber guten Essens und Trinkens, bezeichnet und sich demzufolge auf der Grundlage regelmäßiger Verkostung auch bei den Weinen der Region ein bisschen auskennt, empfahl als einfache Weine für nachbarschaftliche Lustbarkeiten, bei denen nach seiner Auffassung Qualität und Preis in einem besonders guten Verhältnis standen: den Chardonnay, vin aux arômes intenses d'ananas et fruits blancs accompagnera vos apéritifs et desserts, also ein Wein mit intensiven Aromen  von Ananas und weißen Früchten geeignet als Begleiter von Aperitifs und Desserts, sowie den Rotwein aus der Traubensorte Marselan, „einfach lecker“, wie Wolfgang in Folge seiner fachlich mangelnden Sprachgewandtheit sagte (er konnte sich kaum ein ironisches „im Abgang leichtes Aroma von…“ verkneifen), die seit einiger Zeit einen deutlichen Qualitätssprung zu verzeichnen hatten, beides Weine, die auch „lose“ verkauft wurden – für die Urlauber aus praktischen Gründen als bag-in-box-Version zum selbst Zapfen. Preise: Marselan 10,00 € für 5 Liter incl. Verpackung mit Zapfhahn, Chardonnay für 11,30 € für 5 Liter incl. Verpackung mit Zapfhahn, also alles sehr erschwinglich!

Nun schnell wieder nach Bessas, um noch vor dem Restaurantbesuch einen weiteren Startversuch mit dem R 4 zu unternehmen. Die Batterie erwies sich zwar als einigermaßen aufgeladen, aber Michael war der Meinung, dass der vorher misslungene Startversuch an einem verstopften Benzinauslass Richtung Motor gelegen haben könnte – er hatte entsprechende Vorerfahrungen. Also stieg er waghalsig auf die rückwärtige Stoßstange, hielt sich am Dach des R 4 fest und wippte solange, bis der Wagen heftig ins Schaukeln und das Benzin im Tank hörbar ins Schwappen kam, was offensichtlich die Verstopfung löste. Die Maßnahme wurde zwar von Wolfgang ungläubig schmunzelnd begleitet, erwies sich aber bei einem erneuten Startversuch als erfolgreich.

Danach ging es weiter in das „Le Vieux figuier“ zum Abendessen. Beide Urlauber wählten das Menu – es gab nur eins, daneben Pizzen und Salate. Wolfgang: caviar d’aubergines aux crevettes, poulet, crème brûlée, also Auberginenkaviar mit Crevetten, Hühnchen, crème brulée, Michael: saumon mariné maison, magret de canard sur lit de ratatouille, sorbet, also marinierter Lachs nach Art des Hauses, Entenbrust auf einem Bett aus Ratatouille, Sorbet. Dazu eine Flasche viognier (terre d’Eglantines) aus der cave coopérative in Ruoms. Der charakteristische Duft des viogniers, der zuweilen an Aromen von Aprikosen, Pfirsichen und Blüten erinnert, rundete das Essen gut ab. Beides war allemal sein Geld wert.

Zurück in Barjac folgten noch lange Gespräche auf Wolfgangs Terrasse, dazu gab es den Wein aus der örtlichen cave coopérative. Dabei tauschten die Urlauber bis 1.30 h Geschichten und Erlebtes aus den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts aus, bis sie erschöpft aber glücklich in die Betten sanken.

Da erreichte auch die Ausdauer des Chronisten ihre Grenze, er hörte auf zu schreiben und sank in seinen Sessel.
„Das gab ja vielfältige Einblicke“, sagte der Leser. „Ach, lieber Leser, was ist das schon gegen das, was ich euch über den nächsten Tag berichten werde“, entgegnete der Schreiber, „bleibe neugierig; da wird es wieder richtig interessant.“
Und als die Zeit gekommen war, sagte der Leser: „Ach, lieber Schreiber, wenn du wieder frisch bist, so lass mich doch hören, wie die Geschichte weitergeht.“
„Mit Vergnügen“, antwortete er, griff zur Feder und fuhr fort

Zum nächsten Kapitel: Wochenmarkt, Freunde treffen, Nachbarschaftsfest