Lautlos unterwegs

Mit dem Elektroauto vom Ruhrgebiet nach Südfrankreich

Kapitel 9:
Wochenmarkt, Freunde treffen, Nachbarschaftsfest

Nach dem Frühstück am Samstag, dem 30. Juli, gab es leichte, aber doch schweißtreibende Gartenarbeit, denn die Tages-Höchsttemperaturen lagen zwischen manchmal auch schwülen 30° und 32°C, gegen 11.00 h waren es schon 28°C.

Kuchen2
"Verbotenes" aus der Bäckerei

Nachmittags wieder eine verdiente Siesta, gefolgt von einem „deutschen“ Kaffeetrinken mit Kuchen: Wolfgang, ein Liebhaber des Süßen, hatte sich bei der anderen Bäckerei „Marie et Julio“ ein Stück opéra (oder war es doch ein hérisson, ein „Igel“?), gegönnt. Welches auch immer, beide zeichnen sich durch eine hohe Konzentration an Kalorien aus, bestehend überwiegend aus ganache und mousse au chocolat. Sehr speziell, sehr gut, sehr „verboten“, so Wolfgang.

Um 17.00 h begann offizielle Eröffnung des Festivals „Barjac m’enchante“, früher „Chansons de parole“ genannt, einem überregional bedeutenden Chanson-Festival, durch den Bürgermeister von Barjac, Monsieur Chaulet, vor ca. 200 Leuten. Wolfgang erzählte gern mit nostalgisch-wehmütigem Ausdruck im Gesicht, dass er dort vor Jahren bereits Jean-Louis Trintignant als Erzähler und Georges Moustaki mit seinen weltberühmten Chansons erlebt hatte. Dem offiziellen Teil folgte ein apéro mit Wein, während hin und wieder ein Hauch von Lavendelduft über den Platz strich – ein sicheres Zeichen, dass die Lavendelernte rund um Barjac in vollem Gang war –   hin und wieder überdeckt von dem Chemikaliengeruch der nahe liegenden öffentlichen Toilettenanlage (oder doch aus den dort geparkten Wohnmobilen?), was die Urlauber ernüchternd in die Realität zurückführte. Dazu gab es ein Konzert von „Les Rustines d l‘ange“, drei Frauen und drei Männern in augenscheinlich selbstgeschneiderten Fantasie-Kostümen mit sechs Akkordeons und einer Mischung von alten Volksliedern und modernen Klassikern im Programm, sehr interaktiv mit dem Publikum, sehr beeindruckend, man hörte gebannt zu und machte mit. Ein Höhepunkt war das Stück „Highway to Hell“, das die Urlauber – wenn auch etwas übertrieben – an die eine oder andere Episode ihrer Reiseerlebnisse der letzten Tage erinnerte.

Danach bereiteten die Urlauber die Rückfahrt vor: mit einigen Mühen wurde ZOE an die prise doméstique (230 V) bei den Nachbarn angeschlossen; an Wolfgangs Haus gibt es nämlich keinen Einstellplatz und die Gasse ist so eng, dass man dort nicht parken kann, die Straßenbreite reicht gerade aus, dass man aussteigen kann. Die freundlichen Nachbarn lieferten nicht nur die Energie für die erste Etappe der Rückfahrt, sondern luden auch noch auf ein Gläschen Wein in ihrem Garten ein, natürlich wie hier üblich mit Oliven und etwas Gebäck. Die Stimmung war sehr gut, mal duzte man sich, mal siezte man sich, und dank Michaels guten Französischkenntnissen entspann sich eine angeregte Unterhaltung. Das diskrete, wenn auch unverhohlene Interesse, das die Urlauber an dem renovierten Taubenturm der Gastgeber zeigten, mündete in eine kleine Führung desselben, kleine Bad-Küchen-Kombination im Erdgeschoss und je ein Gästezimmer in den beiden anderen Etagen.

Es folgte ein Abendessen auf Einladung Michaels als verspätetes Geburtstagsgeschenk für Wolfgang: das zunächst ausgewählte „Carabasse“ in Beaulieu war complet, auf Tage ausgebucht; also ging es zu dem noch rechtzeitig reservierten „Nature et Thé“, fußläufig in Barjac, von dessen Qualität Kenner schon berichtet hatten. In schöner mediterraner Atmosphäre saßen die Reisenden – man mag sie nun fast „Genießer“ nennen – draußen in der Gasse. Häufig zogen Musiker vorüber, die sich alljährlich zusätzlich zu dem offiziellen Programm in Barjac einfinden. Das Menu und die Weine wurden dem Chronisten nicht übermittelt; man darf aber davon ausgehen, dass alles zur Zufriedenheit der Genießer ablief.

Gegen 23.40 h wurde noch bei ZOE vorbei geschaut, Ladung 100%, also beendet. ZOE wurde gleichwohl noch einige Stunden bis zur Abfahrt am nächsten Morgen für das Balancing am Stromnetz gelassen. Heute gingen die Urlauber etwas früher zu Bett, da gegen 6.00 h die Nacht zu Ende sein sollte, außerdem waren ja die wichtigsten Themen besprochen…

14. Ladestopp in Barjac
Entfernung: 36 km
Ladestand: 81 %
Rest-Reichweite: 122 km
Neuer Ladestand: 100 %
Neue Reichweite: 160 km
 

Drei ereignisreiche Tage in Barjac und Bessas lagen nun hinter den Urlaubern, was Michael, der nie, nie in der Sommerhitze nach Südfrankreich fuhr und daher die Attraktionen der Hauptsaison in Barjac nicht kannte, zu der Äußerung brachte, dass er nun doch vorsichtig erwäge, zu dieser Zeit eventuell einmal hierher zu fahren, nicht ohne die Hoffnung auf einen weniger heißen Sommerabschnitt.  

Auch dem Chronisten reichte es nun, er hörte auf zu schreiben, nahm sich sein Fläschchen Hypocras, diesen stark gesüßten roten Gewürzwein, goss sich ein und begann zu sinnieren.
„Das ist aber eine interessante und persönliche Geschichte“, sagte der Leser. „Ach, lieber Leser, was ist das schon gegen das, was ich euch über die Fährnisse am nächsten Tag berichten werde“, entgegnete der Schreiber, „ich glaube, die Rückfahrt hat es wieder in sich.“
Und als die Zeit gekommen war, sagte der Leser: „Ach, lieber Schreiber, wenn du wieder nüchtern bist, so lass mich doch hören, wie die Geschichte weitergeht.“
„Mit Vergnügen“, antwortete er, griff zur Feder und fuhr fort.

Zum nächsten Kapitel: Sommer, Kultur, Genuss