Lautlos unterwegs

Mit dem Elektroauto vom Ruhrgebiet nach Südfrankreich

Kapitel 3:
Vom Reisenden zum Abenteurer: Akku leer, Ladestation außer Betrieb

Um 15.25 h wurde die Fahrt fortgesetzt, zunächst durchs landschaftlich schöne Tal der Moselle, wie die gute alte Mosel dort heißt, auf Nancy zu, der Capitale des Ducs de Lorraine, also der Hauptstadt der Herzöge von Lothringen mit ihrer berühmten Place Stanislas, einem klassizistischen Ensemble aus Gebäuden und Freiflächen, erbaut in den Jahren 1752 bis 1755 vom gleichnamigen Herzog, vormals König von Polen. Nancy ist Kennern auch bekannt als Stadt des Jugendstils, Art nouveau, und der Art déco, unbedingt einen Besuch wert, wenn auch diesmal nicht für unsere Reisenden.

Allerdings richteten sich die Blicke der Reisenden dieses Mal weniger auf die Place Stanislas, ein  zum UNESCO-Welterbe gehörendes Baudenkmal, als vielmehr sorgenvoll auf die Anzeige der Restreichweite, die nach dem langen Anstieg aus dem Moselle-Tal erbarmungslos dahinschmolz, wie ein nüchterner Vergleich der gefahrenen Kilometer mit den noch möglichen ergab.

Kurz hinter dem Städtchen Toul, umgeben von einem kleinen, aber feinen Weinbaugebiet, endet mit dem Péage de Gye, also der Mautstation, die Unentgeltlichkeit der Autobahn, darin sehen unsere Reisenden Fluch und Segen zugleich: die Kosten für die ca. 600 km bis zur geplanten Abfahrt Montélimar-Süd betragen inzwischen immerhin 45 €, und an den – bis dorthin insgesamt vier – péages gibt es manchmal kleinere oder auch größere Staus, insbesondere an den Hauptreisetagen der Franzosen, aber auch der Belgier und Niederländer. Hilfreich kann insofern die französische Internetseite „Bison Futé“ sein, die u. a. eine Jahreskalender-Plattform zur Stauprognose in den vier sich selbst erklärenden Farben grün, gelb, rot und schwarz für das gesamte französische Autobahnnetz jeweils für ein ganzes Jahr aufweist.

Als ein Segen stellt sich demgegenüber der exzellente Straßenzustand dar, mehr noch die wegen der Kosten in aller Regel deutlich geringere Verkehrsdichte und das viel entspanntere, weil infolge der Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h viel gleichmäßigere Fahren, oft halbe und dreiviertel Stunden lange Passagen mit Tempomat ohne Unterbrechung. Für dieses Mal ist indessen keine Rede von 130 km/h, Tempomat ja, aber zugunsten der Reichweite weiter so zwischen 75 (bergauf) und 90 oder 100 km/h (bergab). Das, abgesehen vom Laufgeräusch der Reifen, lautlose Dahingleiten der ZOE macht das Fahren ohne Hektik zu einem wirklichen Genuss – sofern man Auto fahren als genussvoll empfinden kann.

In diesem Zusammenhang entwickelte sich ein – nicht ernst gemeinter – Streit zwischen Wolfgang und Michael: bergab lieber rekuperieren, d. h. vom „Gas“ (ein eigentlich völlig unpassendes Wort, für das der Schreiber noch keine Alternative gefunden hat; es wird von den Reisenden selbst allerdings nicht mehr benutzt) gehen und den bordeigenen Generator nachladen lassen mit der Folge einer deutlichen Bremswirkung etwa wie beim Herunterschalten in einen kleineren Gang bei einem Verbrenner, so eher Wolfgang, oder aber rollen lassen, auch „segeln“ genannt, also ohne Bremswirkung, so eher Michael, dabei wird zwar nicht nachgeladen, aber ohne Stromverbrauch Strecke gemacht??

Im weiteren Verlauf der Fahrt – so wird berichtet – wird sich eine Mischform aus beiden Techniken einstellen.

Kurz vor 17.00 h erreichten die Reisenden nach 125 km den Aire, die Rastanlage von Sandaucourt, dort steht nach Wolfgangs umfangreichen Internet-Recherchen die für den Kurs erste der erwähnten Sodetrel-Ladesäulen des Projektes Corri-Door. Nach einigem Suchen auf der großen Rastanlage wurden sehr bescheidene, um nicht zu sagen: winzige Hinweistafeln mit dem E-Auto-Logo entdeckt und in der Folge auch die Station.

Schnell ist die Nase der ZOE – dort befindet sich ihre Steckdose – mit der Säule verbunden, und Wolfgang beginnt mit der Sodetrel-Karte den Lade-Dialog – allein, der Touchscreen bleibt schwarz und stumm!! Mit Blick auf die Restreichweite von kaum mehr als 20 km regt sich eine leichte  Mulmigkeit, aber vielleicht hilft die auf der Säule angegebene Telefon-Hotline weiter, so wie es ja schließlich auch in Trierweiler geklappt hat. Man hatte schließlich schon häufig gehört, dass ein einfacher reset der Anlage, durch den Betreiber ferngesteuert, manche Probleme blockierter Ladesäulen lösen konnte. Indessen hat der freundliche Franzose am anderen Ende des Handys, der betont, die betreffende Säule sei auf der aktuellen Homepage als „noch nicht in Betrieb“ gemeldet, nicht mehr zu bieten als die nächste, 80 km entfernte Sodetrel-Station, die, so versichert er mehrfach, einwandfrei funktioniere… Das Unruhe-Niveau der Reisenden wird dadurch nicht geringer, ja erste Schweißperlen des aufkommenden Stresses zeigen sich auf Wolfgangs Stirn.

Wegweiser: wenn nichts mehr geht
Wegweiser: wenn nichts mehr geht

Die Nachfrage im Kiosk der Tankstelle bleibt ebenso ergebnislos: zwei augenscheinlich überforderte Damen an der Kasse lassen wissen, dass ihr Chef nicht mehr da sei und sie davon nichts verstünden, was die Reisenden ihnen sofort glaubten. Der Plan B der Reisenden für eine solche Situation sieht einen hilfsbereiten Bauern vor, der seine rote 400-V-Kraftstromdose in Stall oder Scheune zur Verfügung stellt, für die Wolfgang natürlich den passenden Adapter mitführt… einziges Problem dabei: wo ihn finden auf der Rastanlage, den Landmann und Retter??

Ein anderer Mitarbeiter der Tankstelle kommt dazu und rät, die nächste ca. 8 km entfernte Ausfahrt zu nehmen und dort nach weiteren 3 km in Bulgnéville die dort gelegene Autowerkstatt um Hilfe zu bitten. Nach einem Blick auf die Autokarte, die die geografischen Angaben bestätigt, folgen die zunehmend nervösen Reisenden dem Rat, auch mangels sinnvoller Alternative: eine womöglich auf der Raststätte noch aufzutreibende 230-V-Dose würde auch als Zwischenladung eine Ladezeit von etlichen Stunden bedeuten, also entweder eine Nachtfahrt oder eine Übernachtung an Ort und Stelle, ohne dass ein Hotel zu sehen wäre, und zu zweit in der Zoé?? Soweit geht der Enthusiasmus dann doch nicht!!

5. Ladestopp in Aire de Sandaucourt
Entfernung:            125 km
Ladestand:             12 %
Rest-Reichweite:    25 km
Neuer Ladestand:   12 %
Neue Reichweite:   25 km

Mit Anspannung machen sich die Reisenden, die der Schreiber ab jetzt guten Gewissens auch „E-Pioniere“ oder gar „Abenteurer“ nennen darf, auf den Weg und finden alles wie beschrieben: die Ausfahrt, den Ort… nur die Werkstatt erstmal nicht!! In der Ortsdurchfahrt geht ZOE mit optischen und akustischen Signalen auf „Reserve“. Wer nun, den Verhältnissen im „Verbrenner“ folgend, annimmt, man habe jetzt noch 80 oder 90 km Spielraum, in aller Ruhe eine Tankstelle zu suchen, der kennt die Welt der Leafs, E-Golfs und ZOEs nicht: allenfalls ein Zehntel, so 8 oder 10 km sind noch möglich, und das bei äußerst reduziertem Betrieb – die schon lange latent vorhandene „German Reichweitenangst“ tritt mehr und mehr in den Vordergrund: Hektik pur ist angesagt!!!

Zum nächsten Kapitel: Die glückliche Fügung in Bulgnéville