Lautlos unterwegs

Mit dem Elektroauto vom Ruhrgebiet nach Südfrankreich

Kapitel 5:
Neue Probleme in Lyon und ihre Lösungen

Der zweite Tag, Mittwoch, der 27. Juli, begann mit einem für französische Verhältnisse üppigen Frühstück, nicht nur verschiedene confitures, sondern auch ein plat de charcuterie, also Schinken und Hartwurst (Wolfgang nannte das auch etwas despektierlich „Schlachtplatte“), waren aufgetischt. Mit einer Ladung von 100 % und einer angezeigten Reichweite von 184 km zeigte sich Zoé ebenso bestens gerüstet, und so ging es guter Dinge um 9.00 h weiter. Binnen kurzem wieder auf der A 31, war nach 2 h der Aire de Brognon-Ouest erreicht. Diese Autobahn-Rastanlage liegt im Norden Dijons, der Capitale des Ducs de Bourgogne, also der überaus sehenswerten (nur leider diesmal nicht!!) Hauptstadt der Herzöge von Burgund. Mit Erleichterung nahmen die Reisenden zur Kenntnis, dass Übereinstimmung herrschte zwischen der ihnen am Tag zuvor zuteil gewordenen Versicherung der Sodetrel-Hotline einerseits und der Wirklichkeit andererseits: diese Ladesäule funktionierte problemlos!

Ladestation Brognon
Ladestation Brognon

Nach einer Ladezeit von 50 min, die die Reisenden zu einem Espresso, in Frankreich kleiner Schwarzer, petit noir, genannt, und zum Kauf des Michelin-Straßenatlas (1 : 200.000) nutzten, hatte ZOE genug geladen.

7. Ladestopp in Aire de Brognon
Entfernung: 121 km
Ladestand: 35 %
Rest-Reichweite: 65 km
Neuer Ladestand: 98 %
Neue Reichweite: 189 km

Das Vergnügen der Reisenden darüber trübte sich durch die zunehmende Hitze innerhalb von ZOE allerdings leicht ein. Zwar zeigte das Außenthermometer Temperaturen um die 27°C, einem kleinen, im Zigarettenanzünder steckenden Messfühler zufolge waren es aber innen bereits 34°C. Die Ursache hierfür sahen die Reisenden hauptsächlich darin, dass die Ladesäulen durchweg an schattenlosen Parkbuchten stehen mit der Folge erheblicher Aufheizung von ZOEs Innenraum, vielleicht spielt auch die bei der Ladung entstehende Abwärme eine Rolle, worauf ein dabei regelmäßig zu hörendes Kühlgebläse hindeutet. Da half der während des Ladevorgangs stets installierte Sonnenschutz auf der flachen Windschutzscheibe nur mäßig. So stellte sich in unausweichlicher Schärfe die sommerliche Gretchenfrage aller ZOEs, E-Golfs und Leafs: Heinrich, wie hältst Du’s mit der Klimaanlage?? Denn wie im Winter für die Heizung, so steht auch für Kühlung, Gebläse, Beleuchtung u. v. m. keine andere Energiequelle als der eine große Akku zur Verfügung, sodass alle diese Verbraucher in unterschiedlichem, wenn auch meist nur geringem Maß die Reichweite schmälern. Da aber einer alten Volksweisheit zufolge eins zum anderen kommt, waren unsere Reisenden bislang recht zurückhaltend gewesen mit der Inanspruchnahme solcherart Komfort. Jetzt aber musste es sein, und die durchaus wirksame Klimatisierung brachte Linderung, zumal der Gefahr übermäßigen Stromverbrauchs vorgebeugt werden konnte durch Betätigung von ZOEs Eco-Taste, die Höchstgeschwindigkeit und Leistung der Klimaanlage gleichermaßen begrenzt.

Auf diese Weise halbwegs kühlen Kopfes erreichten die Reisenden um 13.30 h den Aire de La Salle. Diese Rastanlage nahe der südburgundischen Stadt Macon verfügt gleichfalls über eine Ladesäule von Sodetrel. Die 45 minütige Schnellladung nutzten die Reisenden fanden Gelegenheit zu einem passablen Mittagsimbiss vom Salat- und Pasta-Buffet im SB-Restaurant.

Gerade diese Duplizität der Ereignisse, Ladung für ZOE, Imbiss für Wolfgang und Michael, aber auch ZOEs bisherige Art zuverlässiger und klagloser Leistungserbringung, gaben den Anstoß, sie nicht mehr nur als schnödes Transportmittel, sondern vielmehr als Mitreisende eigener Art anzusehen, und so kam es, dass der Chronist Anweisung erhielt, künftig von drei Reisenden zu sprechen, die sich nunmehr um 14.15 h weiter auf den Weg machten in Richtung Lyon, dem Tor zum midi, wörtlich Mittag, also dem französischen Süden, oft stauanfällig.

8. Ladestopp in Aire de La Salle
Entfernung: 128 km
Ladestand: 27 %
Rest-Reichweite: 51 km
Neuer Ladestand: 98 %
Neue Reichweite: 175 km

Vorher galt es aber, die Mautstation von Villefranche-sur-Saône zu passieren, manchmal – und ganz gewiss an rot oder gar schwarz markierten Tagen der Urlaubssaison – ein Nadelöhr. Hilfreich insofern Wolfgangs badge – ein im Französischen seltener Anglizismus –, also ein an der Windschutzscheibe innen angebrachter Responder von télépéage, dem elektronischen Erfassungs- und Abrechnungssystem für die Autobahnmaut, schon von weitem erkennbar an ihrem Logo, einem orange leuchtenden „t“ über den entsprechenden Maut-Fahrspuren. Die derzeit neuesten damit ausgerüsteten Stationen, so auch hier, erlauben die Erfassung eines Fahrzeugs mit einer Geschwindigkeit von max. 30 km/h, also kein lästiger Stopp, schon gar keine nervige Bar- oder Kartenzahlung mehr!

So bremsen weder péage noch Staus in Lyon den Drang der Reisenden in den Süden, so dass ZOE um 15.35 h  im Stadtteil St. Priest, schon hinter dem Zentrum, ein Gewerbegebiet erreicht, in dem IKEA wiederum mit kostenloser Schnellladestation winkt. Was nun folgt, kommt dem Ansatz eines neuerlichen Stresstests doch recht nahe: nach der üblichen Vorgehensweise: Ladesäule und Parkbox finden, Gang zum IKEA-Empfang und die KiWhi-Karte ausleihen, ZOE anschließen und Ladevorgang starten, zeigen aber sowohl ZOEs Display wie das der Säule eine Störung an, deren Behebung weder den Reisenden noch den Damen am IKEA-Empfang gelingt, gern wolle man einen Techniker herbeirufen, aber wann der komme… die nächste Pleite??

9. Ladestopp in St. Priest
Entfernung: 98 km
Ladestand: 37 %
Rest-Reichweite: 62 km
Neuer Ladestand: 37 %
Neue Reichweite: 62 km

Schnell ist der Schreiber versucht, die Reisenden wegen des zunächst schnell steigenden Stresspegels nun wieder „Abenteurer“ oder „E-Pioniere“ zu nennen, doch dann erweist sich Wolfgangs sorgfältige Vorbereitung der Reise als vorteilhaft: ein Blick in seine umfangreichen Unterlagen über alternative Lademöglichkeiten ergibt, dass es auch im Riesen-Parkhaus des Riesen-Supermarktes Auchan gleich nebenan eine weitere kostenlose Lademöglichkeit gibt. Die ist schnell gefunden, allerdings mit einem Tesla-Taxi (!!) belegt. Erstmal positionieren sich die Reisenden in der zweiten zugeordneten Parkbox, nur um auf das nächste Problem zu stoßen: auch hier wird die KiWhi-Karte gebraucht, die, wie der kurze Zeit später auftauchende Taxifahrer versichert, bei Auchan anders als beim Möbelhaus nebenan nicht auszuleihen sei, man müsse schon selbst eine haben! Jaja, nur dass diejenige der Reisenden – wie der geneigte und aufmerksame Leser noch weiß – aber in Unna liegt…

In dieses Wechselbad der Gefühle mischt sich nun aber doch Glück ins Unglück: der Tesla-Taxifahrer kommt nämlich aus dem ca. 300 km südlich gelegenen Aix-en-Provence, von dort habe er einen offensichtlich wohlhabenden Fahrgast zu einer ambulanten ärztlichen Behandlung hergebracht, die anscheinend noch länger andauert. Er hat also Zeit und freut sich – typisch südfranzösisch – über die Gelegenheit zu einem Schwätzchen mit den Reisenden. Kurzerhand unterbricht er seinen ohnehin weit fortgeschrittenen Ladevorgang und stellt den Reisenden den für ZOE passenden Anschluss vom Typ 2 und seinen KiWhi-Pass zur Verfügung („La recharge est gratuite ici, en tout cas“, „Das Laden ist hier ja sowieso kostenlos“). Während die beiden Reisenden ZOE anschließen, verbindet der freundliche Südfranzose die Akkus seines Teslas mit dem anderen Anschluss der Säule und lädt mit Hilfe des Tesla-spezifischen Adapters weiter. Eine Unterhaltung über technische Details kommt in Gang, die richtig lebhaft wird, als ein Bekannter des Taxifahrers, der entsprechend gekleidete Chauffeur eines unweit geparkten zweiten Teslas (!!) hinzustößt, dessen „Herrschaft“ zum Shoppen im Einkaufszentrum weilt, beide geben den Reisenden viele Tipps für die weitere Route. Kurz gesellen sich gar noch interessierte „Verbrenner“-Fahrer mit ihren Fragen oder Kommentaren dazu. Die Zeit vergeht wie im Fluge, und fast ein wenig beschämt werden sich die beiden Reisenden bewusst, dass ihre anfangs in leisem Deutsch ausgetauschte Parole, den Taxifahrer zugunsten einer möglichst langen Ladezeit durch Small-Talk bei Laune zu halten, ins Leere gelaufen ist…

Mit ihren ehrlich gemeinten Worten herzlichen Dankes, der ebenso freundlichen wie entschiedenen Weigerung des großherzigen Taxifahrers, auch nur Trinkgeld entgegenzunehmen, seinen besten Wünschen für die Experimentalreise machen sich ZOE und ihre Passagiere gegen 16.45 h auf den weiteren Weg in den Süden.

10. Ladestopp in St. Priest
Entfernung: 0,5 km
Ladestand: 37 %
Rest-Reichweite: 62 km
Neuer Ladestand: 94 %
Neue Reichweite: 170 km

Zum nächsten Kapitel: Vom Abenteurer wieder zum Reisenden: Flott von Lyon nach Barjac