Lautlos unterwegs

Mit dem Elektroauto vom Ruhrgebiet nach Südfrankreich

Kapitel 6:
Vom Abenteurer wieder zum Reisenden: Flott von Lyon nach Barjac

Kurz nach dem Péage de Vienne, also der Mautstation im Süden Lyons, die das Ende der Unentgeltlichkeit der Autobahnen durch und rund um Lyon markiert, sahen sich die Reisenden erneut vor eine Entscheidung gestellt. Denn die Autoroute du Soleil (Autobahn der Sonne, A 7), im Deutschen eher Rhônetal-Autobahn genannt, bleibt keineswegs immer in dem hier ca. 140 m hoch gelegenen Flusstal, sondern steigt gelegentlich in die Höhen des sich östlich anschließenden Hügellandes. Die höchste dieser Erhebungen ist mit immerhin 323 m der Col du Grand Bœuf, der Pass vom Großen Ochsen. Gewitzt durch die bisherigen Erfahrungen und so im Bewusstsein, dass neben Beschleunigung, Geschwindigkeit und Gegenwind insbesondere Steigungen als ärgster Feind der Reichweite zu gelten haben, entschieden sich die Reisenden, die A 7 an der Ausfahrt Nr. 12 zu verlassen und die berühmte – und sogar auch besungeneNationale Sept, also die N 7, zu nehmen, die hier als Uferstraße dem landschaftlich schönen Rhônetal folgt und ganz flott zu fahren ist. Die geplante Wiederauffahrt auf die A 7 in Tournon scheiterte jedoch an einer entsprechenden Sperrung, sodass auch die zur Ladung vorgesehene Raststätte Pont de l’Isère nicht angefahren werden konnte. Indessen wiesen Wolfgangs Unterlagen auch in der Nähe des nur 11 km weiter südlich gelegenen Autobahnanschlusses Nr. 14 Bourg-lès-Valence eine – sogar kostenlose – Lademöglichkeit auf dem Parkplatz eines Riesen-Supermarktes der Kette Leclerc aus. 

Um 18.00h trafen unsere Reisenden dort ein. Die freundliche Dame am Empfang des Centre Auto Leclerc, einem etwa 200 m vom Supermarkt entfernten Fachgeschäfts für Autozubehör, Schwerpunkt Verbrenner, wies darauf hin, dass der Zugang zur Ladesäule eine Kundenkarte von Leclerc voraussetzt. Wolfgang erreichte es allerdings – der Chronist ist nicht informiert, ob er eher den charmanten aber ratlosen Urlauber spielte oder doch den hilflosen Rentner aus dem Ausland –, dass die Dame ihm einen einmalig gültigen Zugangscode ausdruckte, allerdings erst nach telefonischer Rückfrage in der Verwaltung. Als der Ladevorgang gestartet war, begaben sich die Reisenden in das Hauptgebäude, wo sie die erforderliche Kundenkarte (für zukünftige Unwägbarkeiten bzw. Nutzung) nach kurzer Formalität beim Empfang erhielten. Michaels Bedenken, man gebe im entsprechenden Antragsformular zu viele Daten preis, relativierten sich: außer Namen und Adresse wurde nichts verlangt. Gleichwohl nahm diese Prozedur einige Zeit in Anspruch, da die Empfangsdame allein waltete und vor den Reisenden noch zwei andere Kunden zu bedienen hatte. Während ZOE auf diese Weise ab ca. 18.30 h ihren Stromdurst stillte, überschlugen die beiden anderen Reisenden die Wegstrecke bis zum Ziel ebenso wie die dafür benötigte Zeit und setzten dies ins Verhältnis zu dem bei beiden aufkeimenden Hunger. Noch ca. 120 km lagen vor ihnen, dafür, so schätzten sie, werde man nach dem Aufbruch wenigstens noch 2 h brauchen, zumal in Wolfgangs Planungsunterlagen im Hinblick auf den Anstieg aus dem Rhônetal nach Barjac zur Sicherheit noch eine Nachladung vorgesehen war. Dann aber werde im Kleinstädtchen Barjac kaum noch etwas zu essen zu bekommen sein, also bot sich hier und jetzt an, einen frühen Abendimbiss einzunehmen, ebenfalls zur Sicherheit sozusagen, und zwar – trotz der Vorbehalte Michaels gegen solche Art Gastronomie – im SB-Restaurant gegenüber den Kassen.

Dessen Qualität war allerdings, das musste auch Michael eingestehen, besser als erwartet: nach einem kostenlosen apéritif, ein paar Früchten in Rotwein, genauso auch als dessert geeignet, gab es ordentliche Spaghetti Bolognaise und einen kleinen Salat für Michael und ein einwandfreies Lachsfilet auf Gemüsebett für Wolfgang.

11. Ladestopp in Bourg-lès-Valence
Entfernung: 103 km
Ladestand: 59 %
Rest-Reichweite: 38 km
Neuer Ladestand: 99 %
Neue Reichweite: 205 km

Mit eigentlich genug Stärkung aller drei Reisenden, um das Ziel der Reise zu erreichen, ging es um 19.55 h wieder auf die A 7 weiter gen Süden, dem Ziel entgegen, unterstützt durch einen leichten mistral, dem typischen  Wind des Rhônetals, der im Sommer durch seine kühle, trockene Luft von Norden die südländische Hitze vorübergehend erträglicher macht. Heute sorgte der mistral dafür, dass die Reisenden es wagten, die Höchstgeschwindigkeit zu erhöhen bei – gehofft – gleicher Reichweite… wenn, ja wenn es nicht die typisch deutsche Reichweitenangst gäbe, die regelmäßig Wolfgang noch etwas mehr als Michael ergreift. Für die Rückfahrt befürchteten die Reisenden allerdings die Fortdauer der Großwetterlage, d. h. sie würden Gegenwind haben – zu manchen Zeiten bei sehr kräftigem Mistral würde das eine zusätzliche Ladepause bedeuten.

Um 20.40 h unterbrachen unsere drei Reisenden ihre Fahrt sicherheitshalber beim Aire de Montélimar-Ouest, also der Rastanlage, auf der nachgeladen werden sollte.

12. Ladestopp in Aire de Montélimar
Entfernung: 63 km
Ladestand: 65 %
Rest-Reichweite: 113 km
Neuer Ladestand: 81 %
Neue Reichweite: 141 km

Schon 10 Minuten Ladung bewirkten die für nötig befundene Steigerung des Ladestandes und einen umgekehrt proportionalen Effekt auf besagte Angst, so dass unsere drei Reisenden wieder Fahrt aufnahmen, nur um bei der nächsten Ausfahrt Montélimar-Sud die A 7 zu verlassen und wieder die N 7 nach Süden zu nehmen bis Pierrelatte, einem der zahlreichen Örtchen im Rhônetal mit einer übermächtigen Usine Nucléaire, einem Atomkraftwerk also. Hier biegen sie nach Westen ab und überqueren die Rhône, um dann wieder südwärts die D 86 zu nehmen bis St. Marcel d’Ardèche, wo dieser als Kanu-Paradies bekannte Fluss in die hier kaum noch 60 m hoch gelegene Rhône mündet.

Garage du Stade
Garage du Stade

Über das malerische, jetzt von der tiefstehenden Sonne vergoldete Aiguèze gelangen unsere Reisenden der D 901 folgend in der Dämmerung nun westwärts ins Hügelland auf das immerhin zwischen 250 und 300 m hohe Plâteau von Orgnac mit seiner weltberühmten Tropfsteinhöhle, nur um beim mittelalterlichen Montclus ins Tal der Cèze hinunter zu fahren. Den letzten Anstieg nach St. Privat de Champclos nimmt ZOE mit Bravour, um schließlich gegen 22.00 h das Ziel ihrer bislang weitesten Reise zu erreichen, wohl wissend, dass man am nächsten Tag in Barjac zum einen bei den freundlichen Nachbarn und ihrer prise domestique, der Haushaltssteckdose, wie auch bei der örtlichen Garage du Stade, einer Autowerkstatt mit Lademöglichkeit, würde laden können.

Und plötzlich stand er im Raum, der unerhörte Verdacht, bei dieser großzügig bemessenen Rest-Reichweite: War es in Wirklichkeit doch eher eine viel tiefer liegende Angst vor Autonomieverlust, diffus und unbestimmt, erworben schon im frühen Kindesalter? Oder war es doch die eher realitätsbezogene Einsicht, dass Vorsicht vor Wagemut gilt?

Wie bereits am Vorabend besprochen nahm Michael die Einladung Wolfgangs an, wenigstens die erste Nacht in seinem, Wolfgangs, Gästezimmer zu schlafen, dies nicht zuletzt wegen des doch sehr langen und ereignisreichen Tages, der nun nach einer ausgiebigen Ruhephase verlangte. Diese wurde, nachdem man sich vorläufig eingerichtet hatte, mit einer Flasche Rotwein auf der immer noch warmen Terrasse eingeleitet.

Da ging der Tag zur Neige und Müdigkeit übermannte auch den Chronisten. Er hörte auf zu schreiben und gönnte sich auch ein Gläschen Roten.
„Das ist aber wieder eine interessante Geschichte“, sagte der Leser.
„Ach, lieber Leser, was ist das schon gegen das, was ich euch über den nächsten Tag berichten werde“, entgegnete der Schreiber, „da wird es noch persönlicher.“
Und als die Zeit gekommen war, sagte der Leser: „Ach, lieber Schreiber, wenn du wieder frisch bist, so lass mich doch hören, wie die Geschichte weitergeht.“
„Mit Vergnügen“, antwortete er, griff zur Feder und fuhr fort.

Zum nächsten Kapitel: Vom Reisenden zum Urlauber: Gelassenheit und Wohlergehen