Lautlos unterwegs

Mit dem Elektroauto vom Ruhrgebiet nach Südfrankreich

Kapitel 11:
Nächste Krise und ihre Bewältigung

So näherten sich unsere Reisenden also frohgemut um 15.10 h der nächsten Sodetrel-Ladestation auf dem Aire de Beaune-Merceuil, nicht ohne sich vorher, da Wolfgangs Unterlagen letzte Sicherheit nicht leisten konnten, bei der entsprechenden Hotline über die Funktionsfähigkeit der Säule vergewissert zu haben. Bei diesem Telefonat geriet Michael, vielleicht noch seine Wunden leckend aus dem vor kurzem überstandenen verbalen Dauer-Beschuss, mit seinem Französisch erstaunlich schnell an seine Grenzen, denn gegenüber der freundlichen Hotline-Dame sprach er den Ortsnamen nach dem Bindestrich „Merßeuil“ aus, voller Vertrauen auf das, was er vor 50 Jahren bei seinem sehr geschätzten Französisch-Lehrer gelernt hatte, dass nämlich im Französischen das „c“ vor den sogenannten dunklen Vokalen „a, o, u“ wie „k“, dagegen vor den hellen Vokalen „e, i, y“ wie „ß“ ausgesprochen wird, allerdings mit der Folge, dass Madame sein Anliegen zunächst gar nicht verstand. Erst nach mehreren wechselseitigen Rückfragen wurde klar, dass es den Reisenden um die Säule in, so sprach es Madame aus, „Merkeuil“ ging, welche selbstverständlich funktioniere. Dieses Missverständnis ist, wie der Schreiber durch Einholung einer Expertise bei eben diesem Pädagogen in Erfahrung bringen konnte, darauf zurückzuführen, dass im Französischen wie im Deutschen die Aussprache-Regeln bei Eigennamen meist aus historischen Gründen nicht immer gelten.

18. Ladestopp in Aire de Beaune-Merceuil
Entfernung: 149 km
Ladestand: 20 %
Rest-Reichweite: 36 km
Neuer Ladestand: 99 %
Neue Reichweite: 180 km

Jedenfalls konnten unsere drei Reisenden ab 16.15 h die nächste Sodetrel-Ladestation beim Aire de Brognon/Spoy ins Visier nehmen konnten. Dies deshalb, um dort zwischenzuladen, weil die Reisenden angesichts der besten Erfahrungen, die sie auf der Hinfahrt mit der Maison Blanchelaine in Bulgnéville gemacht hatten, wieder dieses Etablissement für die Zwischenübernachtung ausersehen und telefonisch bei Monsieur Breton zwei Zimmer und die Lademöglichkeit für ZOE reserviert hatten.

Schließlich wurde diese Rastanlage bei Dijon – in Richtung Norden heißt sie Spoy – um 17.00 h erreicht. Nach Wolfgangs Unterlagen liegen hier Tankstelle, Restaurant etc. und insbesondere die Ladestation nur in Richtung Süden, sodass die Reisenden die Brücke auf die andere Seite der Anlage nahmen, dort die winzigen Hinweisschilder mit dem E-Mobil-Logo und schließlich auch die Ladesäule fanden. So schnell ZOE angeschlossen war, so stumm und schwarz blieb indessen der Touchscreen! Ein Anruf Michaels bei immer noch derselben freundlichen Dame von der Sodetrel-Hotline brachte die wenig weiterführende Bestätigung, dass eine Störung vorliege, und den mit ungläubigem Staunen entgegen genommenen Hinweis, doch einfach auf die andere Seite zu fahren, dort gebe es auch eine Säule. Voller Hoffnung – Madame musste es schließlich wissen – und Zweifeln, denn sie kamen ja von dort, fuhren die Reisenden zurück auf die Nordseite der Raststätte, indessen fanden sie außer einer Toilettenanlage und Parkplätzen nichts. Ein erstes Wetterleuchten des Missvergnügens fand Ausdruck in Wolfgangs sarkastischer Bemerkung: „Es lebe das gesunde Halbwissen!“

19. Ladestopp in Aire de Spoy
Entfernung: 63 km
Ladestand: 49 %
Rest-Reichweite: 75 km
Neuer Ladestand: 47 %
Neue Reichweite: 73 km

Die Stimmung hellte sich wieder auf, als im Sinne eines Plans B nach kurzer Beratung und der telefonischen Absage bei Monsieur Breton eine vorgezogene Übernachtung im 18 km entfernten Is-sur-Tille in Betracht kam, und zwar im Côté Rivières, genau dem Hotel, das auf Wolfgangs Empfehlung ursprünglich auf der Hinfahrt eingeplant war. So verließen die Reisenden durchaus guter Dinge die Autobahn an der nächsten Ausfahrt und folgten ZOEs Navi zu dem wirklich vortrefflichen großbürgerlichen Anwesen, das getreu seinem Namen nur mittels einer eigenen Brücke über einen Bach erreicht werden kann. Indessen ergriff die Reisenden ein erstes Befremden, als sie just diese Brücke durch ein ebenso schönes schmiedeeisernes Tor verschlossen vorfanden. Hätte dies noch vielleicht dem recht frühen Zeitpunkt ihrer Ankunft, es war noch vor 18.00 h, geschuldet sein können, so sorgte der heckenschneidende patron ebenso freundlich wie bestimmt für Klarheit: täglich außer So, um es auf den Punkt zu bringen. Auf die ebenso freundliche Nachfrage der Reisenden, wo man denn das nächste dienstbereite Hotel fände, kam als Antwort „pas ici, il vous faut aller à Dijon“, etwa „nicht hier, Sie müssen nach Dijon fahren“, also zurück, und das mindestens 30 km!! Das kam, was Monsieur le Patron nicht wissen konnte, im E-Mobil-Horizont der Reisenden auf gar keinen Fall in Frage, vielmehr waren sie sich einig in dem Grundsatz „Zurück = Niemals!“, schließlich war man ja um jeden geschafften Kilometer froh. Dieselbe Hürde sonntäglicher Schließung wiesen aber in der Tat etliche Hotels und Gasthöfe in der Nähe auf, wie Wolfgangs Blitz-Recherche im Internet ergab, was bei den Reisenden zu einer Stimmung führte, die am besten mit dem elisabethanischen „Not amused“ zu umschreiben ist.

Nun erlaubte es ZOEs Rest-Reichweite von 66 km, den Radius der Internet-Suche zu vergrößern, und schließlich fand sich im 15 km entfernten Bèze ein auch sonntags geöffneter Gasthof, das Hôtel Le Bourguignon, auch dieses Wolfgang schon von früher bekannt. Ein Anruf bestätigte dies ebenso wie une prise domestique, also eine einfache 230-V-Lademöglichkeit für ZOE, sodass sich die Reisenden einerseits hoffnungsvoll und mit Vorfreude auf das Abendessen, das Wolfgang in guter Erinnerung hatte, andererseits mit betont sparsamer Fahrweise auf den Weg dorthin machten, letzteres zur Sicherheit, man weiß ja nie, der geneigte Leser erinnert sich.

Ungeachtet aller deutschen (oder frühkindlichen …?) Reichweitenangst erfreuten sich die Reisenden aber doch an der arkadischen Hügellandschaft Burgunds mit seinen Getreidefeldern und den typischen nahezu weißen Charolais-Rindern auf den fetten Weiden. So erreichten sie gegen 18.40 h Bèze, un de plus beaux villages de France, eines der schönsten Dörfer Frankreichs, worauf übrigens schon an der Autobahn durch ein großes Schild hingewiesen wird. Völlig unproblematisch wurde ZOE in der Hotelgarage an 230 V angeschlossen.

Das Hôtel Le Bourguignon, zu Deutsch „Der Burgunder“, gehört zu der ganz passablen landesweiten Gastronomie-Kette Logis, früher Logis de France – Logo: ein stilisierter grün-gelber Kamin – und besteht aus einem geschmackvoll restaurierten historischen Hauptgebäude, in dem es den Empfang, das Restaurant, den Frühstücksraum und einige Zimmer gibt. Die meisten Zimmer und übrigens auch die Garage befinden sich in einem neueren Anbau, wohl aus den siebziger Jahren, so auch diejenigen unserer beiden Reisenden. Sie sind recht klein, aber ausreichend ausgestattet und günstig, allerdings zur Straße ausgerichtet und im Inneren hellhörig.

Ihr dreigängiges Abendessen, darunter natürlich das traditionelle boeuf Bourguignon, also Rinderbraten in Burgunder, konnten die Reisenden auf der Terrasse einnehmen, insgesamt gehobene Küche ohne Fehl und Tadel, ebenso der Wein, der selbstredend aus der berühmten Weinbauregion weiter südlich kam. So stellte sich nahezu ganz von selbst das ersehnte abendliche Wohlgefühl ein.

Zur Abwechslung, der es indessen nicht bedurft hätte, da der Tag ja durchaus schon mit Höhen und Tiefen gesegnet war, gesellte sich ein kleiner Igel zu den Reisenden auf die Terrasse, der unter den Tischen nach Speiseresten suchte und sich durch nichts beirren ließ, obwohl es noch taghell war.

Da erreichte der Tag sein Ende und der Chronist hörte auf zu schreiben.
„Das ist ja doch interessanter, als ich dachte“, sagte der Leser. „Ach, lieber Leser, höre erst, wie schnell der letzte Tag der Reise vergeht“, entgegnete der Schreiber.
Und als die Zeit gekommen war, griff er zu seiner Feder. „Ach, lieber Schreiber“, sagte der Leser, „wenn du wieder frisch bist, so lass mich doch hören, wie die Geschichte weitergeht.“
„Mit Vergnügen“, antwortete er und fuhr fort.

Zum nächsten Kapitel: Der letzte Tag: Flott und problemlos von Bèze nach Unna